Missional Think Tank mit Alan Hirsch 4 – Reproduktion

So sicher und klar es ist, dass das Reich Gottes nicht darin besteht, dass möglichst viele Menschen „zum Glauben kommen“, so sehr hat Jesus alle Menschen seines Aufgabengebietes (Mt. 15, 24) in seine Nachfolge gerufen. Bevor er diese Welt verlassen hat, hat er uns jedoch einen Auftrag gegeben, der eine definierte Anzahl von Menschen im Blick hat: Alle. Schlicht, Simpel.

Mir ist dabei bewusst, mehr als bewusst, dass der Prozess der Nachfolge, zu dem wir einladen sollen, nicht unbedingt durch unsere „christliche Kultur“ begrenzt ist, sondern von Jesus einladender und offener verstanden wird. Auch wenn seine Forderungen radikal bleiben (Lukas 9, 23) ist er doch auf diese Welt gekommen, um zu suchen und sich finden zu lassen. Ich merke, wie schwer mir die Formulierungen fallen und wie dicht dadurch die Sätze werden.

Ich versuche ein Beispiel: Freunde von uns leben in einem anderen Land und unterstützen Menschen darin selbstständig zu werden, z.B. kleine Geschäfte zu eröffnen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Viele Menschen kommen zu ihnen und erfahren Annahme, Liebe und Unterstützung. Im persönlichen Gespräch und durch das Leben meiner Freunde kommt immer wieder die Botschaft von Jesus hinzu – so leben und reden sie Reich Gottes in ihrem Land. Klassischer „Gemeindebau“ ist das nicht, dennoch glaube ich, dass sie genau das richtige und wichtige tun. Und sie sind daran interessiert möglichst vielen Menschen zu helfen, ihnen in ihrem gesamten Leben weiter zu helfen und letztlich ihnen auch zu helfen Gottes Plan in ihrem Leben zu sehen.

Die Gemeinschaften, die dabei entstehen haben natürlich im Sinn sich zu reproduzieren, denn viele kleine Gemeinschaften repräsentieren die persönliche, lebenteilende und mitteilende Botschaft deutlich greifbarer als große. Mein Ergebnis ist immer wieder das gleiche: Reproduktion ist unumgänglich – nicht als „Gemeindebauprinzip“ auf einer Liste von „effektiven Evangelisationsmethoden“, sondern als Ausdruck des Lebens. Neil Cole schreibt dazu in seinem Buch „Organic Church: Growing Faith Where Life Happens (JB Leadership Network Series)“

„I have heard people say, ‚We have plenty of churches. There are churches all over the place that sit empty, why start new ones? We don’t need more churches but better ones.‘ Can you imagine making such a statment about people? ‚We have plenty of people. We don’t need more people, just better ones. Why have more babies?‘ This is short-range thinking. No matter how inflated you think the world population is, we are only one generation away from extinction if we do not have babies…Imagine the headlines if suddenly it was discovered, that 96% of the woman in america were no longer fertile and could not have babies. We would instantly know two things: this is not natural so there is something wrong with their health. We would also know that our future is in serious jeopardy.“ (Zitiert nach „The Forgotten Ways: Reactivating the Missional Church“ (Alan Hirsch) S. 140 das Szenario erinnert an den Film „Children of men“)

Die Herausforderung an mich und vielleicht auch an dich ist den Gedanken zu zu lassen, dass unsere Gemeinschaften sich vermehren müssen. Wie schon gesagt geht es dabei nicht um Prinzipien, sondern um die Art und Weise wie das Leben abläuft, mit allen seinen Stadien. Ich muss sagen, dass mich diese Erkenntnis selbst be-trifft, weil ich schon lange nicht an den Start einer neuen Gemeinschaft gedacht habe. Genau daran hat mich die Zeit in Münster erinnert – und falls ihr jetzt denkt: „Wir haben keine Möglichkeiten dazu“ – wirklich? Das ist auch mein erster Gedanke und ich glaube, dass wir mehr Möglichkeiten haben, als wir denken. Der Auftrag Jesu an uns beginnt mit den Worten: „Gott hat mir unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben.“ und endet mit den Worten: „Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“ (Mt. 28, 18-20)

Etikette(n)

Ich habe festgestellt, dass ich darauf achte, wie ich mich selbst und andere beschreibe. Z.B. bin ich mit dem Wort „Postmodern“ sehr vorsichtig – „postmoderne Jugendarbeit“ – habe ich glaub noch nie so gesagt und würde ich auch so nicht sagen (ich habe mit beiden Begriffen Schwierigkeiten…).

Ich habe ein Zitat im Kopf, dass ich leider nicht mehr wiederfinde – ich hättes markieren sollen – sinngemäß lautet es so:

„Der Himmel bewahre uns vor postmodernen Kirchen – was wir brauchen sind Kirchen, die in der Postmoderne leben.“

Der Unterschied ist simpel – „Postmoderne Kirche“ klingt in meinen Ohren wie Nike, Carhartt oder Apple – ein Label, eine Marke oder ein „Brand“, fast schon ein Produkt, das eine spezifische Gestalt annehmen muss. Das Produkt ist ja definiert durch das Adjektiv „Postmodern“ und trägt sein Verfallsdatum dabei mit sich.

Kirche, die in der Postmoderne lebt findet sich einfach in veränderten Umständen wieder. Simpel, einfach. Ich merke, dass ich vorsichtig reagiere, wenn mir jemand von seiner „Postmodernen Kirche“ erzählt und heute viel mehr denn je an den praktischen Fragen von Kirche im Heute interessiert bin. Inwiefern Kirche ein Label ist, darüber schweige ich mich für heute aus – die Frage, was die Menschen i unserem Land beim Label „Kirche“ denken, jedoch werfe ich mal in die Runde, denn sie scheint mir für unsere Praxis im Moment wichtiger denn je zu sein(Stichwort „Christival„). Sollen wir den Begriff Kirche überhaupt noch benutzen? Zum Abschluss noch ein Zitat von C.S. Lewis:

„All that is not eternal is eternally out of date.“ („The Four Loves“(C. S. Lewis) S. 188) „Alles, dass nicht ewig ist, ist ewig veraltet.“

Alan Hirsch im Christianity Today Interview

Damit man mal ein Foto von dem Kerl sieht (Danke Andi!):

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Ein Australier mit jüdischen Wurzeln, der einiges zu sagen hat – wenn Du des Englischen mächtig bist, empfehle ich dir sein Interview mit Christianity Today „Small Groups and the mission of god“ – einen kurzen Auszug, den ich für wertvoll erachte, gebe ich hier wieder:

„I’d like to look specifically at the disciple-making element for a moment. You mentioned in the book that disciple making is a crucial, pivotal element in the process. What makes it so important?

It seems to me that if we fail to make disciples—that is, people who can become like Jesus Christ, which is a very simple definition of discipleship—if we can’t get that right, then in doesn’t matter what else we do because there will be a fundamental weakness in our ministry. The lack of disciples will always undermine any effort beyond that. But if we succeed in developing and creating an environment where people really can become more Christlike, it seems to me that the movement is on, and everything else will have a substantial basis along with it.

The problem is that we are being discipled every day by our culture, and it’s done very profoundly and very well—and I say this with a background in marketing and advertising. There are billions of dollars going into advertising, which is not just selling us products. There’s much more of a religious dynamic going on. So if we as a church or a small group don’t disciple in the way of Jesus, then the culture gets to have the primary say. And I have to say that, despite our best efforts, the culture is winning at this stage.“ (Quelle, Hervorhebungen meine)

Wer beeinflusst die Leute mit denen Du in Deiner Gemeinschaft bist am meisten? Die Gemeinschaft der Nachfolger in der sie sind oder unsere Konsumgesellschaft? Wer hat dir beigebracht zu leben? Wie wird deine Nachfolge geprägt?

Der hässliche Hase

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Kein gutes Foto von dem hässlichen Hasen. Mirja hat ihn irgendwo geschenkt bekommen und seit dem steht diese ätzende, kleine Plastikfigur bei uns rum. Aber nicht mehr lange. Mirja hat heute morgen gesagt: „Der ist sooo häßlich – ich schmeiss den jetzt weg!“. Ich dachte mir so viel Kitsch muss vorher zumindest noch fotografiert werden…tschüss hässlicher Hase…

Missional Think Tank 3 – Hierarchie und Institutionalisierung

Ich weiß nicht wie wir auf den Gedanken gekommen sind, eine pyramidale Hierarchie aufzubauen“ hat Alan an einer Stelle sinngemäß gesagt. „Das Neue Testament hat so etwas nicht im Blick„. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Sinn macht es. War Kirche jemals für die Kathedrale gedacht? Gab es, ausser in Jerusalem am Anfang, jemals Gemeinschaften über 100 Personen? Missionale Gemeinschaften sollten im Bild von „The starfish and the spider“ zu bleiben eher bestimmten Seesternen ähneln, statt Spinnen.

Alan hat schlicht die zwei Tiere aufgemalt – eine Spinne hat 8 Beine, wenn du eins wegnimmst, dann ist die Spinne verkrüppelt, zwei und sie kann viel weniger als vorher und fängt vielleicht eine flügellahme Fliege. Wenn Du den Kopf abscheidest stirbt die Spinne, sicher. Bei bestimmten Seesternen ist es komplett anders. Wenn Du ein Bein abschneidest, dann passiert folgendes: Das Bein wächst nach und aus dem Bein erwächst ein neuer Seestern – jedes kleine Teil hat den Bauplan einer ganzen Kirche in sich. Ein Beispiel in dem das wunderbar funktioniert hat, ist die Kirche Chinas: Jede Kirche ist ein Kirchenpflanzer, jede Kirchenpflanzung kann zu einer Bewegung werden.

Eine Herausforderung für mich ist Gemeinschaften zu pflanzen, reproduzierend zu sein – so sehr ich glaube, dass Gottes Reich nicht in Zahlen besteht, so sehr glaube ich auch, dass wir gerufen sind alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen. Und das bedeutet eben auch Gemeinschaften anzufangen, wenn sie nicht „von selbst“ entstehen und zugleich dafür zu sorgen, dass sie nicht starr werden, sondern dynamisch bleiben. Hier hilft auch die Dissertation von Josh Packard (ich habe bereits über die Zusammenfassung geschrieben), die jetzt online steht, weil sie sich mit der Frage befasst, wie man eine Institutionalisierung weitgehend verhindern kann.

Ich glaube, ich muss für mich und meine Gemeinschaften deutlicher die praktischen Fragen nach der Reproduktion stellen, nach Anfängen und Selbstständigkeit. Das wird ein heilsamer Prozess, der mich von Inaktivität befreien kann. Das Nachdenken über den Think Tank bringt mir viel, wie ich feststelle…wann kommt die Wohnung 2 frage ich mich selbst, was sind die nächsten Schritte? Hm.